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Der BODHISATTVA in den buddhistischen Traditionen

Franz-Johannes Litsch, Hans-Günther Wagner

Wer sein Leben in den Dienst anderer stellt, gilt im Buddhismus als ein Bodhisattva. Das war schon zu Lebzeiten des Buddha so. Doch herrscht heute die weit verbreitete, aber falsche Auffassung vor, das Bodhisattva-Ideal sei erst mit dem „Großen Fahrzeug“ entstanden und der Theravada-Buddhismus kenne nur den Arahat, einen Typus des Heiligen, der allein seine eigene Erlösung anstrebe. Tatsächlichhält jedoch auch die „Schule der Alten“ den Bodhisattva-Weg für den höchsten, nämlich jenen, der zur vollständigen Buddhaschaft führt. Dieser Beitrag gibt eine Übersicht über das Bodhisattva-Verständnisin den verschiedenen Traditionen und weist auch auf spätere Entwicklungen hin.

DER BODHISATTVA-WEG – IN ALLEN SCHULEN DER ERHABENSTE WEG

Im  frühen  Buddhismus(1) (wie  auch  im  heutigen  Theravada)wird zwischen drei Typen von Verwirklichern des Weges zum Erwachen  unterschieden:  Da  ist  zunächst  der sogenannte „Hörer“ der Lehre.(2) Ein solcher praktiziert den Dharma (Pali:dhamma) als Ordinierter oder Laie und erlangt am Ende das Nirvana (nibbana) als Arahat. Auf seinem Weg dient  er  sich  selber  und  anderen,  doch  seine Fähigkeiten  zu  Letzterem  sind  begrenzt.  Der zweite Typus ist der Einzelerwachte.(3) Über diesen  heißt  es,  dass  er  das  Nirvana  ganz  allein und für sich verwirkliche. Die Schriften bringen den  Einzelerwachten  mit  Zeiten in Verbindung, in  denen  keine  anderen  Erleuchteten  in  der Welt weilen und die Suchenden den Weg selbst finden müssen.  Den  dritten  Typus  schließlich repräsentiertder Bodhisattva  (bodhisatta).  Aus  großem  Mitgefühl  (mahakaruna) möchte der Bodhisattva viele Wesen aus dem Samsara  führen  und  verzichtet  zugunsten  dieses  Ziels  einstweilen auf das endgültige Verlöschen, um zum Samma Sambuddha, zum  vollkommenen  Buddha,  zu  werden.  Dieser  führt  die Wesen  zur  Befreiung,  indem  er  die  Lehre  und  Praxis  (neu) entdeckt  und  damit  zum  Lehrer  des  Dharma  für  ein  ganzes Zeitalter  wird.(4) Der  historische  Siddhattha  Gotama  war  nach frühbuddhistischer  Auffassung  ein  solcher  Bodhisattva,  der vor  2500  Jahren  seinen  schon  lange  eingeschlagenen  Weg vollendete, indem er zum historischen Buddha wurde und die Lehre und Praxis, die seinerzeit nicht (mehr) vorhanden war, neu  entdeckte  und  lehrte.  Jeder,  der  heute  noch  seinen  Pfadgeht,  steht  damit  in  seiner  Nachfolge.  Ein  Bodhisattva  verzichtet  keineswegs  auf  das  Heilsziel  des  Nirvana.  Im  Gegenteil – er geht nur nicht den schnellen Weg des Arahat, sondern bereitet  sich  sehr,  sehr  lange  darauf  vor,  die  Aufgabe  eines Buddha   mit   höchster   Vollkommenheit   zu   erfüllen.   Dabei durchschreitet er viele Existenzen, auch Tier- und Götterwelten. Von den vielen Vorleben sowie heilsamen und mitfühlenden  Handlungen  des  späteren  Buddha  erzählen  zahlreiche Buddhalegenden, die in den Vorlebensgeschichten (Jātakas)(5) gesammelt und überliefert wurden.


DIE GENESIS DES BODHISATTVA-WEGS IM FRÜHEN BUDDHISMUS

Der Bodhisatta-Weg zur vollkommenen Buddhaschaft ist ohne eine  starke  mitfühlende  Motivation  nicht  zu  verwirklichen. Während   viele   Legenden   über   Sakyamunis   Vorleben   als Mensch,  aber  auch  als  Affe,  Hase  oder  Papagei  berichten  und dabei  seine  zahllosen  guten  Taten  rühmen,  ist  die  erste  Hälfte seines letzten Erdenlebens vornehmlich von der Suche nach dem eigenen endgültigen Erwachenbestimmt.   Weil   der   behütete   Königssohn   erkannte,  dass  alle  Wesen  altern,  leiden  und  sterben, strebte er nach Leidfreiheit und Loslösung vom  Daseinskreislauf  für  sich  selbst  und  die anderen.   In   der   Befreiung   von   unheilsamen Gedanken  und  Handlungen,  von  Unwissenheit und   sinnlichem   Verlangen,   entfaltete   er   die Meditation  der  geistigen  Ruhe  und  Einsicht,  bis  er  unter  dem Bodhibaum die Erleuchtung erlangte. Im Mahapadana-Suttades Pali-Kanon werden die Vorzüge  des  Buddha  auch  zu  denen  eines  Bodhisattva  im  Allgemeinen.  Damit  nimmt  das  Bodhisattva-Ideal  konkrete  Gestalt  an. Zentral ist der Vorsatz, anderen zu dienen und diese Entschlossenheit  mit  einem  Gelöbnis  zu  bekräftigen.  Der  Bodhisattva gelobt,  zum  Wohle  aller  Wesen  das  Ziel  der  vollkommenen Buddhaschaft zu erreichen und diesen Weg mit aller Entschlossenheit zu gehen. Viele Vorlebenslegenden sprechen, wenn der spätere Buddha gemeint ist, einfach vom Bodhisatta. Der Bodhisattva-Weg ist im Früh- und Theravada-Buddhismus der Weg zur vollkommenen Buddhaschaft, weil der Erleuchtete auf ihm gehend,  den  (verloren  gegangenen)  Dhamma  wiederentdeckt und  neu  lehrt  und  damit  zum  „Buddha  eines  Zeitalters“  wird, der eine Vielzahl von Wesen zur Befreiung führt. Dieser Auffassung  gemäß  kann  es  zur  gleichen  Zeit  keinen  zweiten  Buddha geben  und  damit  auch  keinen  zweiten  Bodhisattva,  der  in  dieser Zeit zur Buddhaschaft gelangt, denn die Lehre ist ja bereits in  der  Welt  vorhanden.  Alle,  die  dem  Erwachten  folgend  den Weg gehen, sind somit seine Schüler und gelangen – sofern sied as  Große  Erwachen  erfahren  –  zur  Arahatschaft.  Doch  kann es  auf  dem  Weg  Praktizierende  geben,  die  auf  den  schnellen Weg  zur  Arahatschaft  verzichten  und  sich  für  den  langen  Weg des  Bodhisattva  entscheiden,  um  in  ferner  Zukunft,  wenn  der Dhamma wieder verloren ist, die vollständige Buddhaschaft zu erlangen. In diesem Sinne nahmen schon vor 2000 Jahren und nehmen auch heute noch in den Theravada-Ländern viele Menschen das Bodhisattva-Gelübde. Jedem, der vor diesem Hintergrund das Bodhisattva-Gelübde ablegt, muss klar sein, dass er sich damit für einen sehr langen  Aufenthalt  in  der  Samsara-Welt  entscheidet  und  auf  die Möglichkeit   der   naheliegenden   Befreiung   als Arahat verzichtet. Seit Buddhas Zeiten haben viele  Tausende  Menschen  das  Bodhisattva-Gelübde genommen, doch jeder von ihnen kann erst dann als  Buddha  zur  Vollendung  und  Befreiung  kommen,  wenn  die  Lehre  erneut  verloren  ging  und von ihm wieder entdeckt werden muss. Das kann viele Äonen lang dauern und Millionen Jahre des Wiedergeboren werdens  im  Daseinskreislauf  erfordern.  Doch  alleine  auf  diesem  langen  Weg  erwirbt  ein  Bodhisattva  die  Verdienste,  Erfahrungen,  Kenntnisse  und  Fähigkeiten (parami), über die ein vollkommen Erwachter verfügt.

DER BODHISATTVA IN DEN MAHĀYĀNA-SUTREN

Mit dem Mahāyāna beginnt die Geschichte des Bodhisattva als Heilsgestalt, Erlöser und Erretter. Auch gibt es erstmals weibliche  Bodhisattvas.  Die  Weitentwicklung  des  Mahāyāna  besteht nicht in der „Entdeckung“ eines völlig neuen Ideals, sondern in der  Neudefinition  der  Bodhisattva-Idee.  Dabei  kommt  es  zur Schaffung  zahlreicher  mythischer  Bodhisattva-Gestalten,  an die  sich  die  Menschen  –  ähnlich  den  Heiligen  und  Nothelfernder  katholischen  Kirche  –  wenden  können,  um  Hilfe  zu  erhalten.  Als  Folge  wird  der  Bodhisattva  weniger  als  Ziel  des  eigenen Strebens gesehen, sondern manifestiert sich in bestimmten irdischen und überirdischen Gestalten. Damit entspricht er den volksreligiösen  Bedürfnissen  nach  verehrungswürdigen,  wun-dertätigen,  übermächtigen  Helfern  und  Vorbildern.    Aus  dem tausendarmigen  indischen  Avalokiteshvara wird  in  Tibet  (dernoch  männliche)  Chenrezig,  in  China  die  (weibliche)  Bodhisattva Guanyin, in Vietnam die Kwan-Am, in Japan die Kanon –  eine  Verkörperung  des  Mitgefühls,  die  äußerlich  stark  an christliche Madonnendarstellungen erinnert. Mañjushrī (chine-sisch: Wenshu  Pusa)  muss  als  Bodhisattva  der  Weisheit  auch ganz  praktische  Aufgaben  erfüllen.  Oft  wird  er  angerufen,  um Wissen und Bildung zu erlangen, zum Beispiel vor Schul- oder Universitätsprüfungen. Der Bodhisattva Ksitigarbha soll einst geschworen haben, erst dann als Buddha in das Nirvana einzutreten,  wenn  auch  das  letzte  Wesen  die  Hölle  verlassen  hat. Aus  dem  einstigen  Bodhisattva  Dharmakara wird  schließlich der  Buddha  Amitābha, der  allen,  die  ihn  um  Hilfe  bitten,  in sein  „Reines  Land“  führt  –  eine  Vorstufe  zum  Erlöschen  im Nirvana. Eine Vielzahl von Bodhisattvas erscheint so im Laufe   der   Zeit,   deren   jeweilige   Vorzüge   in   umfangreichen Mahayana-Sūtren gerühmt werden. Im  Frühbuddhismus  markieren  der  „Stromeintritt“,  der mit   dem   Verschwinden   der   Möglichkeit   des   Rückfalls   in Samsāra  verbunden  ist,  den  wichtigsten  Meilenstein  des Pfades,  während im  tibetischen Mahāyāna  an diese  Stelle  das  Erwecken  von Bodhicitta  (Erleuchtungsgeist)  sowie  das  Ablegen   der   Bodhisattva-Gelübde   treten.   Durch unermüdliche Anstrengung  erfolgt  über  zehn Stufen  (bhūmi)  der  Aufstieg  zur  Vollkommenheit. Asanga, der Hauptbegründer der Yogacara-Schule des Mahāyāna (5. Jh.) behandelt in dem ihm zugeschrieben Werk Yogācārabhūmi-Shāstra ausführlich den Bodhisattva-Weg. Dabei spricht er im Hinblick auf die drei Wege der „Hörer der Lehre“, der „Einzelerleuchteten“ und der„Bodhisattvas“  nicht  mehr  von  drei  bodhi (Arten  des  Erwa-chens) sondern erstmals von drei yānas (Fahrzeugen), wobei er  zudem  eine  wertende  Klassifikation  vornimmt:  Das  Srāvakayāna (das  Fahrzeug  der  „Hörer“, gleichgesetzt  mit  dem„Hinayāna“), sei   für   Menschen   mit   „schwachen   geistigen Fähigkeiten“ und „geringer ethischer Motivation“ angemessen. Vom Pratyekayāna (dem Weg der Einzelerwachten), heißt es, dass  es  für  Personen  mit  der  Motivation  und  den  Fähigkeiten auf   mittlerer   Ebene   geeignet   sei.   Das    Bodhisattvayāna (Mahāyāna) hingegen entspreche Personen mit großen Fähigkeiten  und  starker  Motivation  und  führe  zur  vollkommenen Buddhaschaft.  Trotz  dieser  Hierarchisierung  der  „Fahrzeuge“ sieht Asanga den Arhat und den Bodhisattva-Buddha noch auf einer Stufe. Die  bedeutendste  Mahāyāna-Schrift  zum  Bodhisattva-Ideal ist  das  Werk  Bodhicaryāvatara (Eintritt  in  das  Leben  zur Erleuchtung) von  Shāntideva  aus  dem  8.  Jahrhundert. Beid em  in  Versen  abgefassten  Werk  geht  es  dem  Autor  vor  allem um das Ertragen von Leid und Unrecht, um das Sich-mit-dem-anderen-Gleichsetzen  und  mehr  noch  Sich-mit-dem-anderen-Austauschen  (parāt ma-parivartana) –  gleich  ob  Wohltäter oder  Feind:  „Möge  ich  den  Schutzlosen  ein  Beschützer  sein; ein Führer den Reisenden; denen, die zum andren Ufer wollen, ein Boot, ein Damm, eine Brücke; eine Lampe für jene, die eine Lampe brauchen; ein Bett für die, die ein Bett brauchen; ein Diener für alle Lebewesen, die einen Diener brauchen.“(Verse Teil III, 17–18)(6)

DER BODHISATTVA-WEG ALS ALLGEMEINES HEILSZIEL

Im  späten  Mahāyāna  wird  die  frühe Verknüpfung  von  Bodhisattva-Weg  und  Buddhaschaft  aufgelöst  und  die  Idee  des  Vollerwachten und „Buddha eines Zeitalters“ de facto aufgegeben. Da  in  uns  allen  die  Buddhanatur  (Tathāgatagarbha)  vorhanden sei,  könne  jeder  Mensch  zum  Bodhisattva  und  Buddha werden.   Das   ursprünglich   von   Buddha   seinen   Schülern gesteckte  Ziel  des  Arhats,  der  zwar  von  seiner  Einsicht  her nicht  der  Weisheit  eines  Buddha  nachsteht,  jedoch  nicht  auch über alle Fähigkeiten eines Vollerwachten verfügt, tritt völlig inden  Hintergrund.  Die  späteren  Vajrayāna-Schulen  gehen  noch einen  Schritt  weiter  und  erklären  den  Bodhisattva-Weg  als  für alle  mehr  oder  weniger  verbindlich.  Zusätzlich  entfalten  sie einen ganzen Kosmos an transzendenten Buddhas, Urbuddhas, Buddhafamilien,  Buddhamandalas  mit  zugehörigen  transzendenten  Bodhisattvas,  Gottheiten,  Schützern,  Yidams,  Mantras, Attributen usw. Die  heute  stark  verbreitete  Darstellung,  die  Bodhisattva-Idee  des  Mahāyāna sei  eine  Kritik  daran,  dass  der  damalige „Hinayāna“  und  die  Arhats  nur  ihre  eigene  Befreiung  anstrebten  und  nicht  auch  die  der  anderen  Wesen,  ist  eine  historisch nicht  haltbare  Selbstrechtfertigung  und  in  ihrer  heutigen  Deutung  eher  ein  Produkt  westlicher  Sichtweisen.(7)  Als  Resultat wurde damit eine Hierarchie in die regionalen und historischen buddhistischen Schulen Asiens eingeführt, die auf die Behauptung hinausläuft, nur (noch) der Mahāyāna strebe die vollständige Buddhaschaft an, der Theravāda lediglich die Arhatschaft. Die Entgegensetzung von „Wirken nur für sich selbst“ und dem „Wirken für andere“ ist im frühen Buddhismus jedoch gänzlich unbekannt.  Darüber  hinaus  lässt  die  konkrete  Wirkungsgeschichte  keine  Unterschiede  im  damaligen  sozialen  Verhaltender  Buddhisten  erkennen:  Für  eine  „altruistische  Wende“  des Buddhismus, weg vom „egoistischen und orthodoxen“ Mönchstum des „Kleinen Fahrzeugs“ hin zum „Großen Fahrzeug“, das sich den Leiden und Nöten der einfachen Menschen zuwendet, gibt  es  historisch  keinerlei  Belege.  In  den  Mahāyāna-Ländern Asiens gab und gibt es auch nicht mehr an sozialem oder karitativem Engagement als in den Ländern des Theravāda.

DIE PERVERTIERUNG DES BODHISATTVA-IDEALS

Im   späteren   indischen   und   außerindischen   Buddhismus kommt  es  teilweise  zu  einer  bedenklichen  Verzerrung  des Bodhisattva-Ideals.  Der  frühe  Buddhismus  lehnt  Töten  und Gewalt in jedem Falle ab. Da im Mahayana die Motivation des Mitgefühls stark in den Mittelpunkt rückt, stellt sich bald die Frage, ob der Bodhisattva nicht zum „Wohle der Wesen“ auch Gewalt   anwenden   und   töten   dürfe,   zum   Beispiel   wenn jemand bedroht wird. Schafft ein Bodhisattva durch eine Tatauch  dann  schlechtes  Karma,  wenn  er  aus  „reinen  Motiven“ handelt?(8) Im alten Königreich Sri Lanka war es den Mönchen strikt verboten, Gewalt auszuüben und zu töten. Den Königen jedoch, die als Bodhisattvas galten und deren Aufgabe es war, Dhamma  und  Sangha  zu  schützen,  war  die  Ausübung  von Gewalt und Kriegführung nicht nur erlaubt, sondern geradezu geboten.  Dem  folgten  später  auch  die  theravāda-buddhistischen Königreiche Südostasiens. Einige Herrscher hatten keine  Skrupel,  sich  gegenseitig  verheerende  Kriege  zu  liefern und dabei auch wertvolle Buddhastatuen und Texte zu erbeuten.  Das  schlechte  Karma,  das  sie  sich  damit schufen, versuchten sie durch den Bau von Stupas,  die  Stiftung  von  Klöstern  und  den  Unterhalt   von   Mönchen   wiedergutzumachen.   Auf den  Pāli-Kanon  konnten  sie  sich  dabei  allerdings an keiner Stelle berufen. Noch  fataler  war  darum  die  Rechtfertigung von  Töten  und  Gewalt  in  späteren  Mahāyāna-Texten.  Dort  sind  Bodhisat tvas  „bereit“,  das schlechte Karma des Tötens auf sich zu nehmen, um den Täter vor schlimmen Höllenstrafen zu bewahren; solches Töten wird gar als „Befreien“ bezeichnet. Da das Motiv lauter sei, würden im Gegenteil große Verdienste erworben.(9) Sogar das Töten von Irrlehrern wird gerechtfertigt, weil jene großen geistigen Schaden  verursachten.  Im Mahāparinirvana-Sūtra,  einem  zentralen  indischen  Mahāyāna-Text,  der  viele  Jahrhunderte  nach Buddhas  Tod  dessen  Lebensende  beschreibt,  wird  von  dem Erwachten  behauptet,  er  habe  in  einem  früheren  Leben  als König  einen  Brahmanen  getötet,  um  ihn  vor  dem  schlechten Karma zu retten, das der Brahmane auf sich lud, indem er den Mahāyāna schmähte. Das für die Yogācāra-Schule bedeutende Bodhisattva-Bhūmi vertritt dieselbe  Auffassung.  Ein  Bodhisattva,  der  sehe,  wie  sich  jemand  durch  sein  Handeln  selber schwere karmische Folgen schaffe, habe das Recht, den Übeltäter zu töten, um ihn vor den Folgen zu bewahren.(10) Asanga,  der  Begründer  der  für  Tibet  zentral  gewordenen Yogācāra-Schule,  erklärt  in  seinem  Kommentartext  Bodhisattvabhūmi-Shāstra, dass  ein  Bodhisattva  töten  dürfe  und sogar  müsse,  wenn  ein  Mensch  im  Begriff  sei,  ein  fühlendes Wesen  zu  verletzen.  Dies  sei  ein  mitleidiger  Akt  und  schaffe kein  schlechtes  Karma.  Das  waren  keine  rein  abstrakten  und folgenlosen  Überlegungen.  Überliefert  ist  das  Beispiel  jenes tibetischen  Mönchs,  der  842  König  Langdarma  tötete,  um  ihn von  weiteren  Gewalt maßnahmen  gegen  Dharma  und  Sangha abzuhalten.(11) Als Gewalt legitimierende Begründung wird auch auf  die  Lehre  von  der  Leerheit  (sūn yatā)  Bezug genommen: Niemand sterbe letztlich wirklich, da die sinnlich wahrnehmbare  Welt  ohnehin  nur  eine  Fiktion  sei.  Eine  weitere  Begründungsrhetorik  wird  mit  dem  Verweis  auf  „geschickte  Mittel“(upāya) geliefert,  die  den  hehren  Zweck  zusätzlich  rechtfertigen  sollen.  Das  erinnert  an  den  im  Abendland  beliebten  Satz: „Der  Zweck  heiligt  die  Mittel“,  der  auch  dort  aller  Art  unheiliger Verbrechen Tür und Tor geöffnet hat. Tatsächlich  zeigten  sich  fatale  praktische  Konsequenzen in  der  Geschichte  des  chinesischen,  japanischen  und  tibe-tischen  Buddhismus.  Chinesische  Shaolin-Mönche  zum  Beispiel  kämpften  gegen  Gegner  und  Herrscher  mit  härtester Gewalt  und  erstritten  sogar  Grundbesitz  für ihren  Orden.  Auch  in  Tibet  gab  es  jahrhundertelang  blutige  Kämpfe  zwischen  der  Gelugpa-und der Kagyü-Schule, ebenso solche zwischen Tibet  und  Bhutan.  In  Japan  unterhielten  viele Klöster schlagkräftige Mönchstruppen, die sich untereinander   regelrechte   Kleinkriege   lieferten.  Während  die  Ethik  des  Buddha  die  Produktion und den Vertrieb von Waffen sogar den Laien untersagte und Mönche nicht einmal Knüppel und Äxte aufbewahren durften, war im Japan des 16. Jahrhunderts das Kloster   Negoro-ji   der   Hauptproduzent   von   Feuerwaffen europäischer  Bauart.(12) Im  Samurai-Zen  (Bushidō,  „Weg  desKriegers“) entgleiste das Bodhisattva-Ideal gar zu einer nihilistischen Todesmystik. Bekannte japanische Zenmeister feuerten  im  2.  Weltkrieg  ihre  Schüler  an,  „im  Bodhisattva-Geist“ mit dem Schwert „Leben zu schenken“, was bedeutete, fremdes Leben zu töten.(13) Dies  alles  markiert  einen  radikalen  Bruch  mit  der  frühen Lehre. So  fragt  zum  Beispiel  im  Salāyatana-Sūtta  42 (Samyutta  Nikāya  IV) des  Pali-Kanon  ein  Hauptmann  den  historischen  Buddha,  ob  ein  Krieger,  der  in  der  Schlacht  sterbe,  in den Himmel komme. Buddha erklärt daraufhin, dass er keineswegs in die höheren Sphären, sondern in eine der Höllen gelange. Dabei wird keine Grenzlinie zwischen Angriffs- und Verteidigungskrieg  gezogen.  Im  Abhidharmakosha wird  sogar  das Töten  in  Notwehr  oder  um  eine  befreundete  Person  zu  schützen  abgelehnt.  Angehörige  der  Familie  des  Buddha hatten  sich  bei  der  Eroberung  ihres  Landes  Sakyadurch den König von Kosala lieber niedermetzeln lassen, als durch gewaltsamen Widerstand ihre ethische Selbstverpflichtung  zur  Gewaltfreiheit  (ahimsā)  zu brechen.(14)

DER BODHISATTVA – PIONIER EINER KULTUR DES MITGEFÜHLS

In  Asien  ist  die  Verbreitung  des  Bodhisattva-Idealsauch eng mit einem politisch und sozial engagierten Buddhismus  verknüpft.  Hilfe  und  Dienst  am  Nächsten  waren  gerade  im  frühen  Buddhismus  nicht  auf geistigen  Zuspruch,  Lehrdarlegungen  und  das  Zelebrieren  von  Ritualen  beschränkt,  sondern  durchaus in sehr  praktischer  Weise  auch  an  der  Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse ausgerichtet. Mit dem Herrscher Ashoka (3. Jh. v. Chr.) beginnt die Geschichte  des  Dharma  als  politische  und  staatliche  Ethik mit dem Ideal des weisen, wohltätigen und gewaltfreien Monarchen.  Unter  Kaiser  Asoka  war  es  historisch  erstmalig  Ziel staatlichen Handelns, ein umfassendes Sozialstaatsystem, die Verbesserung  der  öffentlichen  Infrastruktur,  den  leichteren Zugang  zu  medizinischen  Heilmitteln,  Spitäler  für  Arme,  Alte und  Kranke,  die  Unterstützung  aller,  die  auf  einem  spirituellen  Weg  praktizieren,  eine  gerechtere  Verteilung  des  gesellschaftlichen  Reichtums,  staatliche  Wirtschaftsförderung  sowie eine Gerichtsbarkeit, die weniger auf Strafe und mehr auf die   Vermeidung   von   Verbrechen   und   die   Besserung   des Straftäters zielt, zu errichten. Heute   ist   das   Bodhisattva-Ideal   Motivation   für   sozial, humanitär,   gewaltfrei,   menschenrechtlich   und   ökologisch engagierten  Buddhismus.  Wie  schon  seit  Jahrtausenden  bildet der  Weg  des  Bodhisattva  ein  alternatives  Lebensmodell  zu einer Strategie, die auf dem Kampf der Einzelwesen um die private  Aneignung  der  Natur  und  weltlichen  Güter  gründet.  Da der  Bodhisattva  die  Leerheit  aller  Erscheinungen  erkannt  hat, ist  er  frei  von  weltlichem  Verlangen.  Gleich  einer  liebevollen Mutter, der das Wohl ihrer Kinder wichtiger ist als das eigene, sorgt er sich um die fühlenden Wesen. Wohl wissend, dass alles Begehren nur enttäuscht und die Wurzel des Leidens ist, lebt er mit seinem mitfühlenden Handeln in dieser Welt, die er gleichwohl  innerlich  überwunden  hat.  Freundlichkeit,  Ruhe  und Achtsamkeit bestimmen sein Verhalten. Gemäß der Geschichte von  den  beiden  Bambusakrobaten,  die  gemeinsam  das  Publikum  durch  ihr  virtuoses  Können  beeindrucken,  weil  auch  in der   gefährlichsten   Darbietung   jeder   auf   sich   selbst   und zugleich  auf  den  anderen  achtet,  schützt  er  sich  selbst,  indem er den Anderen schützt, und schützt er den Anderen, indem ersich selbst schützt.(15) Weil das Handeln mehr zählt als die Worte, ist es am Ende auch nicht entscheidend, ob der Bodhisattva „Buddhist“ ist oder nicht. Auch Jesus war ein Bodhisattva, wieviele  Heilige  aus  den  anderen  Religionen,  ebenso  zahlreiche nicht  religiöse,  selbstlos  handelnde  Menschen,  kurz  alle,  die sich in ihrem Leben von Weisheit und Mitgefühl leiten lassen.


  1. Für den Frühbuddhismus wird hier ausdrücklich nicht die Bezeichnung „Hināyāna“ (niederes bzw. schlechtes Fahrzeug) verwendet, da sie eine abschätzige Haltung diesem gegenüber zum Ausdruck bringt.
  2. Pali: Sāvaka, Sanskrit: Srāvaka
  3. Pali: Paccekabuddha, Sanskrit: Pratyekabuddha
  4. Siehe Walpola Rahula: „Das Bodhisattva-Ideal im Theravāda und im Mahāyāna“, in: Lotusblätter 2 (1998), S. 25.
  5. Die Jatakas gehen auf indische Fabeln, Anekdoten und Gleichnisse zurück. In vielen von ihnen wird geschildert, wie der Buddha in seinen Vorleben durch selbstloses Handeln jene Eigenschaften erwarb, die ihn zum Erwachen führten
  6. Erwin Steinkellner (Hrsg.): Santideva – Eintritt in das Leben der Erleuchtung, München 1997.
  7. Diese Deutung geht hauptsächlich auf den ehemaligen Marxisten Edward Conze zurück.
  8. Vgl. Michael von Brück: Gewalt und Gewaltüberwindung im Buddhismus, in: www.buddhismuskunde.uni-hamburg.de/fileadmin/pdf, S. 1 u. 5.
  9. Siehe Lambert Schmithausen: „Buddhismus und Gewalt“, in: Tibet und Buddhismus, Heft 53 (2000).
  10. Lambert Schmithausen: „Einige besondere Aspekte der Bodhisattva-Ethik in Indien und ihre Hintergründe“, in Horin, Nr. 10, Düsseldorf, 2004.
  11. Siehe Christoph Kleine: „Shaolin-Kungfu, Mönchssoldaten, Tyrannenmörder: Wie friedfertig war und ist ‚der Buddhismus‘ wirklich?“, in: www.buddhismuskunde.uni-hamburg.de/fileadmin.pdf, S. 74.
  12. Siehe ebenda, S. 71 und http://de.wikipedia.org/wiki/Negoro-ji.
  13. Siehe Brian Victoria: Zen, Nationalismus und Krieg, eine unheimliche Allianz, Berlin, 1999; S. 312 ff.
  14. Siehe Schmithausen, Buddhismus und Gewalt.15  Pali-Kanon, Sedakam-Sutta, Satipatthana Samyutta, Nr. 19.
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